Die Neuapostolische Kirche ist neuerdings als Vollmitglied in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland. Das bedeutet unter anderem, dass sie in der Öffentlichkeit und in der Medienlandschaft bewusster wahrgenommen wird. Wie sie organisiert sind und worum es in der Neuapostolischen Kirche geht, erklärten Bischof Pascal Strobel und Priesterin Daniela Rudolph, die erste Vorsteherin im Saarland, im "Religion und Welt"- Interview.
Unter dem Titel "Frauen in Führungspositionen - Neuapostolische Kirche richtet sich neu aus" stellten sich die beiden Geistlichen in einem rund 18-minütigen Interview den Fragen der SR-Redakteurin Sarah Sassou. Sie berichteten von ihren Aufgaben, persönlichen Erfahrungen und einem Wandel hin zu mehr Vielfalt – sowohl im Amt als auch im Miteinander der Kirchen. Nachfolgend einige ihrer Interview-Aussagen in Auszügen.
Ehrenamt, Vielfalt und Öffnung
Die Struktur der Kirche ist konsequent ehrenamtlich geprägt. Geistliche übernehmen ihre Aufgaben neben dem Beruf und orientieren sich damit am Vorbild der ersten Apostel. Die Gemeindearbeit basiert auf Zusammenarbeit, Mehrfachverantwortung und dem Engagement vieler Beteiligter.
Gleichzeitig sind die Zuständigkeiten oft weitreichend: So betreut der Bischof zahlreiche Gemeinden in mehreren Regionen und engagiert sich zusätzlich international, etwa in Projekten in Westafrika. Diese Aufgaben erfordern klare Prioritäten und funktionierende Teamstrukturen vor Ort.
Zwischen Beruf und Berufung
Im Zentrum des geistlichen Dienstes stehen Predigt und Seelsorge. Wer zusätzlich eine Gemeinde leitet, übernimmt auch organisatorische Aufgaben wie Dienstplanung, Abrechnungen oder die Koordination von Gottesdiensten und kirchlichen Feiern.
Die Vereinbarkeit mit dem Beruf gelingt durch Flexibilität und bewusstes Zeitmanagement. Unterstützende Arbeitgeberstrukturen und persönliche Prioritätensetzung schaffen Freiräume. Die Motivation speist sich dabei auch aus einem starken inneren Glauben und der Überzeugung, dass sich Wege für den Dienst eröffnen.
Historische Wurzeln und Entwicklung
Die Ursprünge der Neuapostolischen Kirche reichen in die 1830er Jahre nach England zurück. Dort entstand eine Bewegung, die eine Erneuerung des Christentums und die Wiederherstellung des Apostelamtes anstrebte.
Nach Konflikten um die Anerkennung von Aposteln kam es 1863 in Deutschland zur Abspaltung und Neugründung. Daraus entwickelte sich die heutige Neuapostolische Kirche als eigenständige Glaubensgemeinschaft.
Zwischen Tradition und Offenheit
Viele Mitglieder wachsen in der Kirche auf, treffen jedoch später eine bewusste Entscheidung für ihren Glauben. Gleichzeitig finden auch neue Mitglieder den Weg in die Gemeinden, während Besucher aus anderen Konfessionen das Gemeindeleben bereichern.
Die Kirche hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend für ökumenische Zusammenarbeit geöffnet. Aus einer früher eher abgeschlossenen Haltung entwickelte sich ein aktiver Austausch mit anderen Kirchen, getragen von dem Gedanken einer „versöhnten Verschiedenheit“.
Ökumene im Alltag
Die Aufnahme als Vollmitglied in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) markiert einen wichtigen Schritt dieser Entwicklung. In der Praxis baut sie auf bereits bestehende Kooperationen auf und stärkt die gegenseitige Anerkennung.
Auch vor Ort zeigt sich diese Öffnung konkret: Gemeinsame Veranstaltungen wie interreligiöse Friedensgebete bringen unterschiedliche Glaubensgemeinschaften zusammen und fördern gegenseitigen Respekt.
Frauen im geistlichen Amt
Ein bedeutender Schritt war die Einführung der Frauenordination im Jahr 2023. Frauen können seither alle geistlichen Ämter übernehmen. Anfangs vorhandene Skepsis bestätigte sich in der Praxis kaum; die Akzeptanz ist überwiegend positiv.
Theologisch wird betont, dass die Berufung von Gott ausgeht und nicht vom Geschlecht abhängt. Die Vielfalt der Persönlichkeiten und Ausdrucksweisen bereichert die Gottesdienste und spricht unterschiedliche Gemeindemitglieder an.
Predigt und persönliche Erfahrungen
Die Predigt erfolgt in der Neuapostolischen Kirche frei und orientiert sich an einem biblischen Leitgedanken. Ziel ist es, Vertrauen zu stärken, Mut zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen.
Gerade zu Beginn des geistlichen Dienstes sind persönliche Erfahrungen prägend. Während erste Einsätze in vertrauter Umgebung Sicherheit geben, wächst mit der Verantwortung auch die Herausforderung – etwa bei der eigenständigen Leitung eines vollständigen Gottesdienstes.
Der Podcast-Beitrag von SR Kultur
Der Beitrag wurde am 11. Juli 2026 als Podcast veröffentlicht. Er kann unter folgendem Link angehört werden: https://www.sr-mediathek.de/index.php?seite=7&id=42020&tbl=pf.
Die Veröffentlichung des Titelfotos von Sarah Sassou erfolgt mit freundlicher Genehmigung von SR Kultur.
14. Juli 2026
Text:
Redaktion
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